Ein Sommertag im August 2025. Vor dem Altenpflegeheim in Bad Düben parken zwei LKW’s. Auf ihnen wird gerade ein Gerüst verladen, dass seit geraumer Zeit an der Fassade stand. In den letzten Tagen wurde, wie man mir sagte, auf dem Dach des APH eine Photovoltaik-Anlage mit 70 kW Leistung montiert. Im Inneren des Hauses herrscht reges Treiben. Pflegeheimbewohner sitzen im großen Aufenthaltsraum. Andere werden von Mitarbeitern des Pflegeteam in bestimmte Räumlichkeiten begleitet. Der hauseigene Friseursalon im Parterre ist gut besucht.

In der ersten Etage treffe ich auf Mark Specht. Der 31jährige ist seit rund acht Jahren bei der Diakonie beschäftigt. Zuvor hat er seine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft erfolgreich abgeschlossen. Doch er arbeitet nicht im Altenpflegeheim in der Kurstadt. Mark Specht ist als einer von insgesamt zwei Praxisanleitern für die Azubis unter dem Dach des Diakonischen Werkes zuständig – dabei auch für die jungen Menschen, die aus dem Ausland kommen, um sich hier in Deutschland eine neue und vor allem sichere Existenz aufzubauen. Mark Specht trifft sich heute mit Phong Van Nguyen. Der junge Mann kommt aus Vietnam, ist 20 Jahre alt und gerade erst einmal seit 4 Monaten in Deutschland. Bad Düben ist seine neue Heimat und das Diakonische Werk sein neuer Arbeitgeber. Er wohnt in der Kurstadt und er hat den Vorteil, dass hier die Theorie und die Praxis seiner Ausbildung zum Pflegefachmann in einem Ort verbunden sind. Er ist sehr froh in Deutschland zu sein, denn in seiner alten Heimat in Südostasien, ist es in Sachen Ausbildung, Arbeit, Leben und Zukunft schlecht bestellt.
Hintergrund: Der deutsche Arbeitsmarkt leidet unter einem akuten Fachkräftemangel, insbesondere in den Bereichen Handwerk, Industrie und Pflege. Vietnamesische Auszubildende werden daher von deutschen Unternehmen als vielversprechende Lösung angesehen, da sie die Lücke in der Belegschaft schließen können. Das duale Ausbildungssystem in Deutschland ist international hoch angesehen. Es kombiniert die praktische Arbeit in einem Unternehmen mit dem theoretischen Unterricht in der Berufsschule und gilt als optimaler Weg, um qualifizierte Fachkräfte auszubilden. Für junge Vietnamesen bietet dies eine erstklassige Qualifizierung und gute Karrierechancen. Es gibt verschiedene Programme und Agenturen, die sich auf die Vermittlung von vietnamesischen Auszubildenden und Fachkräften spezialisiert haben. Organisationen wie die GIZ oder die Auslandshandelskammer (AHK) in Vietnam haben Projekte ins Leben gerufen, um die Anwerbung und Integration von Arbeitskräften, insbesondere in der Pflege, zu erleichtern.
Die duale Ausbildung, die Phong Van Nguyen aus Vietnam gegenwärtig in Bad Düben durchläuft, dauert insgesamt drei Jahre. Neben der praktischen Ausbildung im Altenpflegeheim, wird die Theorie ebenfalls im gleichen Ort vermittelt. Am Postweg 15a hat das Deutsche Erwachsenen-Bildungswerk eine Außenstelle: die Berufsfachschule für Pflegeberufe der Deutsches Erwachsenen-Bildungswerk in Sachsen. Hier wird der junge Mann zum Pflegefachmann geschult – die Ausbildung bündelt die Berufsbilder der Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege. Aber er ist dort am Postweg nicht allein.

Mark Specht erzählt mir, dass momentan 8 Azubis mit ausländischen Wurzeln die Berufsfachschule im Auftrag der Diakonie besuchen. Sie sind zwischen 19 und 23 Jahre alt – sechs kommen wie Phong Van Nguyen aus Vietnam, zwei aus der Mongolei. Im Diakonieverbund Nordsachsen sind es mittlerweile 16 ausländische Jugendliche, die sich in einer Ausbildung befinden. Und er ergänzt: „Seit zwei Jahren beseht diese Kooperation zwischen dem DEB in Bad Düben und dem Diakonischen Werk – und das läuft gut!“ Ich frage nach, wie es um die Motivation der jungen Berufsanfänger bestellt ist. Die Antwort kommt ohne langes Nachdenken: „Die Azubis zeigen eine sehr hohe Motivation. Sie unterstützen die Teams engagiert, stellen viele Fragen, sind wissbegierig und arbeiten gewissenhaft entsprechend ihres Ausbildungsstands. Bei Unsicherheiten holen sie sich aktiv Hilfe. Ihr Ziel ist es, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen – sie wollen etwas lernen, nicht nur müssen.“ Hohe Motivation also… doch was nützt das alles, wenn man der Sprache nicht mächtig ist? Mark Specht beruhigt: „Sprachbarrieren sind teilweise vorhanden. Diese versuchen wir durch deutliches, langsames Sprechen und Wiederholungen zu überwinden. Die Auszubildenden fragen aber auch aktiv nach, wenn sie etwas nicht verstehen.“ Ich erfahre weiter, dass manche zusätzlich Übersetzungs-Apps benutzen, um Inhalte besser zu erfassen. Und: Alle Auszubildenden müssen vor Ausbildungsbeginn mindestens das Sprachniveau B2 nachweisen.
Zu den Aufgaben von Markt Specht gehört als Praxisanleiter die Begleitung der Azubis währen ihrer praktischen Einsätze in den Pflegeeinrichtungen der Diakonie. „Ich bin – kurz gesagt –das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis und trage maßgeblich zur Qualität der praktischen Ausbildung bei.“ Während unseres Gespräches hört Phong Van Nguyen interessiert zu, ist aber mit den Augen ständig im Raum unterwegs. Plötzlich springt er weg und eilt zu einer älteren Frau, die im Rollstuhl sitzt und scheinbar eine Bitte an ihn hat. Liebevoll kümmert er sich um sie und das Stahlen in ihren Augen verrät, dass sie sich sehr freut über die rasche Hilfe und den hilfsbereiten jungen Mann. Ich verlasse das Altenpflegeheim und nehme das Gefühl mit, dass diese jungen Menschen vom anderen Ende der Welt eine rechte Bereicherung für uns alle sein werden oder jetzt schon sind. Beim Abschied habe ich Mark Sprecht gefragt, wie es denn mit der Übernahme der Azubis nach der Ausbildung ausschaut. Immerhin hat die Ausbildung zur Pflegefachkraft eine EU-weite Anerkennung und die Nachfrage ist groß. Er überlegt kurz und meint dann: „Nach aktuellem Stand und basierend auf Gesprächen mit den Auszubildenden möchten alle nach der Ausbildung in Deutschland bleiben. Es wäre wünschenswert, wenn sie sich für eine weitere Tätigkeit bei uns – also der der Diakonie – entscheiden. Allerdings ist der Pflegearbeitsmarkt stark umkämpft, sodass eine langfristige Planung derzeit noch schwierig ist.“
Beim Diakonie-Sonntag Mitte August in Torgau treffe ich auf Diakonie-Geschäftsführer Tobias Münscher-Paulig und rede mit ihm über Phong Van Nguyen und die anderen Azubis unter dem Dach der Diakonie. Er meint: „Ich bin sehr froh, dass schon so viele jungen Menschen aus Vietnam und der Mongolei ihren Ausbildungsplatz beim Diakonischen Werk gefunden haben. So können wir dem gegenwärtigen Fachkräftemangel ein gutes Stück entgegenwirken. Die jungen Menschen aus Südostasien begeistern mich. Sie sind sehr zielstrebig, diszipliniert und bringen eine hohe Arbeitsmoral mit – eine echte Bereicherung für unser Team im Bereich der Pflege!“ Andreas Bechert