Einsamkeit im Alter – eine Frage des Geldes

Mancher ist allein, weil finanzielle Unterstützung fehlt / Mehrere Angebote in Delitzsch-Nord schaffen Raum für Begegnung

Quelle: LVZ 27.2.2026, Text + Fotos: Clara Geilen

Delitzsch. Ein Wohnzimmer im Delitzscher Norden – offene Küche, ein Käfig mit Wellensittichen, ein Aquarium. Um einige Tische sitzen kleine Grüppchen Seniorinnen und Senioren. Daneben ein Raum mit Rollatoren und Garderobe. Das ist die Tagespflege der Diakonie.
Zwölf bis 14 Personen sind hier regelmäßig zusammen, nicht alle Gäste kommen jeden Wochentag. Ein großer Teil ist täglich da. Die meisten wohnen im selben Haus im Kosebruchweg, in dem die Einrichtung angesiedelt ist. Sie sind zwischen 54 und 92 Jahren alt.
Geschirr klappert, es wird aus der Zeitung vorgelesen. Das gemeinsame Frühstück ist das Highlight für viele Besucher, es geht gerade zu Ende. Das Team versucht, auf alle Wünsche einzugehen – manchmal gibt es auch ein Glas Sekt dazu.
„Wir feiern sehr gerne – wir nutzen jeden Anlass“, sagt Evi Erxleben von der Diakonie. Geburtstage, Angrillen, zusammen fröhlich sein: „Wie es zu Hause eben ist.“ Einiges organisiert das vierköpfige Team privat – das Budget ist knapp. Die Gäste sind dankbar: „Ich bin ein reichliches Jahr hier und es ist schon eine Leistung, was das Personal erbringt“, lobt Hubert Böhm. „Es gibt hier eine Beschäftigung für uns. Anstatt dass wir in der Wohnung sitzen und nicht wissen, in welche Richtung wir die Däumchen drehen sollen.“
Erxleben hat das Tagespflege-Angebot vor neun Jahren mit aufgebaut. Sie beobachtet: „Die Leute suchen mehr Anschluss. Einsamkeit nimmt zu.“ Das geht so weit, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner am Wochenende nicht nach Hause wollen. Nicht allein in ihrer Wohnung sitzen und nur auf Montag warten, bis es zurück in die Tagespflege geht.

Tagespflege für viele zu teuer

Nicht alle können täglich hier sein. Die, die nicht jeden Tag kommen können, würden gerne häufiger da sein, erzählt Erxleben – aber nicht immer können sie es sich auch leisten. „Viele sind allein. Die vereinsamen, weil das Geld fehlt“, sagt Pflegedienstleiterin Annett Dombrowski. Wer staatliche Unterstützung hat, den notwendigen Pflegegrad, für den sei es leichter, erklärt Evi Erxleben. Ihre Kollegin ergänzt: „Nur alt und allein zu sein, berechtigt noch lange nicht. Da ist das System sehr ungerecht.“
Andreas Eichfeld kam 2021 zur Tagespflege, vorher wohnte er bei Weißenfels in einem Haus. Wegen einer Diabeteserkrankung zog er zu Angehörigen nach Delitzsch. Zunächst kam er nur einen Tag in der Woche, mittlerweile ist er von Montag bis Freitag da. Das ist hart erkämpft: „Es ging darum, ob die Krankenkasse das bezahlt“, berichtet der frühere Chemiefacharbeiter.
Für ihn ist die Einrichtung ein Glücksfall, als Neuankömmling in Delitzsch: „Hier habe ich neue Freundschaften gefunden“, erzählt der 69-Jährige. Besonders gerne spielt er mit seiner Stammrunde Mensch-ärgere-dich-nicht. „Wir häkeln, basteln, singen, machen Sport und Ausflüge. Vor allem versuchen wir, die Selbstständigkeit zu erhalten“, erzählt Erxleben über die Beschäftigung mit den Seniorinnen und Senioren. „Das Wichtigste ist: Sie werden gebraucht.“
Dirk Otrombowsky ist der Jüngste in der Gruppe – und kennt die Einsamkeit gut. Bedingt durch seine Krankheit: Der 54-Jährige ist manisch-depressiv. „Mir hat die Tagespflege sehr geholfen. Früher habe ich mich in der Bude verzogen und nur rumgelegen“, erzählt er. Ein anderer Gast sagt: „Zuhause kommt man ins Grübeln. Deshalb ist es schön, in Gemeinschaft zu sein. Hier wird man abgelenkt von alten Problemen.“ Einige Besucher haben Suchterkrankungen hinter sich, berichtet Evi Erxleben. Die Tagespflege gibt ihnen Halt und Sinn, um nach einem Leben mit der Droge neu anzufangen.

Tagespflege bringt Menschen zusammen

Dirk Otrombowsky erzählt: „Unser Tisch ist eine kleine Runde für sich. Es gibt immer etwas zu lachen.“ Die Gäste, die hier aufeinandertreffen, haben ganz unterschiedliche Hintergründe – trotzdem formen sich Freundschaften. „Alter spielt hier keine Rolle“, findet er. Er blickt in Richtung der Ältesten im Raum: „Wir spielen auch oft mit Anneliese – mit ihr habe ich auch Ergotherapie. Sie zockt mich auch manchmal ganz schön ab“, sagt er und lacht.
„Es ist unser Zuhause“, sagt Anneliese Margull. „Wir diskutieren und sind geistig beansprucht, damit wir nicht verdummen“, erzählt sie. Sie lebte vorher im Harz und zog nach Delitzsch, an den Wohnort ihres Sohnes. Seit vier Jahren lebt sie hier und besucht die Tagespflege: „Ich wüsste nicht, was ich sonst machen würde“, sagt die 92-Jährige. „Wir müssen dankbar sein, dass es das hier gibt. Gemeinschaft ist so wichtig, und die ist hier prima.“
Auf die Wand im Aufenthaltsraum ist ein deckenhoher Baum gemalt. Die Seniorinnen und Senioren haben Wünsche auf bunte Zettel geschrieben und sie an ihrem Traum-Baum befestigt. „Wunschlos glücklich“, steht auf einem Papier.

Menschen in Delitzsch-Nord werden älter

Der Delitzscher Norden wird älter – viele Menschen leben seit der Entstehung des Viertels hier. „Mein subjektiver Eindruck ist, es gibt mehr ältere Leute“, sagt Sven Kasubek vom Soziokulturellen Zentrum (SKZ). „Auch, weil die Leute älter werden.“ Das SKZ bietet Veranstaltungen für Ältere – auch wenn es keine starren Altersgrenzen gibt.
„Zu unserem Tanz für Junggebliebene kommt eher die Generation Ü50“, erzählt Kasubek. Angebote, wie Kurse im Umgang mit dem Smartphone oder Skatnachmittage ziehen eher Ältere an: „Es sind zu 70 bis 80 Prozent Senioren, die uns besuchen.“ Auch der Café-Treff „Amselnest“, den das SKZ in Zusammenarbeit mit Wohnungsgesellschaft der Stadt Delitzsch und Wohnungsbaugenossenschaft Aufbau betreibt, bewirtet hauptsächlich Seniorinnen und Senioren.
Das Thema Einsamkeit schwingt immer mit: „Aus Gesprächen können wir das Gefühl erahnen. Oft sind es Frauen, die zu uns kommen, deren Partner schon verstorben sind“, berichtet er. Die Damen möchten alte Bekanntschaften reaktivieren oder sich neu vernetzen – viele kommen dafür ins Amselnest. Auch hier ist das gemeinsame Frühstück ein Publikumsmagnet.
Sabine Büchner war noch nicht oft hier. „Es ist mal etwas anderes. Und wenn man viel allein zu Hause ist, erfährt man ja nichts“, erklärt sie. Heute frühstückt sie mit einigen anderen Frauen zusammen im Amselnest. Es gibt belegte Brötchen, Tee und Kaffee. Es geht um Persönliches, aber auch ums Stadtgespräch.
Die 65-Jährige lebt schon lange in Nord. Auch Anita Kießling am an- deren Ende der Tafel lebt im Viertel. „Bei den Gesprächen hier erfährt man immer noch was über Delitzsch“, erzählt sie. „Früher dachte ich nie, dass ich mal ins Amselnest gehe. Das klang immer so verstaubt, als gingen da nur alte Leute hin. Aber heute ist es fast wie eine Familie“, berichtet die 68-Jährige. Ihre Freundin Rosemarie machte sie auf den Treff aufmerksam.
Sie hat auch schon Leute aus ihrem Wohnhaus hergebracht. „Ich muss einfach unter Leute“, erzählt die 86-Jährige von sich. Diese Begeisterung gibt sie gerne weiter. „Ich freue mich immer schon auf den Donnerstag“, sagt Rosemarie Repert. Das ist ihr Stammtag. Seit zehn Jahren ist sie regelmäßig zu Gast im Amselnest.

Nicht alle können sich Cafébesuch leisten

Auch Eva Richter kommt da regelmäßig mit ihren Freundinnen zum Rommé-Spielen zusammen, besucht das Café aber auch sonst häufig. „In der Runde, wie wir heute sitzen, bin ich selten“, sagt die pensionierte Lehrerin. Neuankömmlinge würden immer integriert, verspricht sie. Da wird auch mal zusammengerückt und Platz gemacht. „Unser Tisch ist immer voll“, berichten die Frauen. „Das hier ist wie ein erweitertes Wohnzimmer“, sagt Eva Richter, „ein Zufluchtsort für ganz viele.“ Hier hat sie auch ihre Freundinnen Marlies und Renate kennengelernt. Die Freundschaften reichen weit über das Amselnest hinaus, man unterstützt sich bei Sorgen und im Krankheitsfall.
„Gegen Einsamkeit muss man etwas tun“, erklärt Richter. „Ich gehe deshalb auch gerne zum Kaufland. Da treffe ich manchmal alte Schüler – unverhoffte Begegnungen eben.“
Für manche Senioren ist das die einzige Möglichkeit zum Austausch. Ständig auf einen Kaffee treffen, sei nicht für alle Rentnerinnen und Rentner drin. „Viele haben nicht die Rente, dass man im Café zwei Stück Kuchen bestellen kann“, gibt Anita Kießling zu Bedenken. „Hier gehen die Preise. In anderen Cafés bezahlt man mehr.“ Dennoch würden sie sich im Norden noch etwas wünschen: einen Raum, den die Bewohner gestalten und kostenfrei nutzen können.