Die Diakonie in Nordsachsen bündelt ihre Kräfte: Geschäftsführer Tobias Münscher-Paulig über die erfolgreiche Fusion und die Zukunftssicherheit für 700 Mitarbeiter

Nordsachsen. Die Diakonie im Landkreis Nordsachsen hat sich zum Jahresbeginn neu aufgestellt. Alle Arbeitsbereiche des Diakoniewerk Oschatz/Torgau gGmbH werden fortan im Diakonischen Werk Delitzsch/Eilenburg weitergeführt. Über die Hintergründe, den Weg dorthin und die Perspektiven für die diakonische Arbeit in der Region sprachen wir mit Tobias Münscher-Paulig, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Delitzsch/Eilenburg.
Herr Münscher-Paulig, wie kam es, dass das Evangelische Diakoniewerk Oschatz-Torgau in das Diakonische Werk Delitzsch/Eilenburg überführt wird?
Tobias Münscher-Paulig: Bereits im Februar 2023 begann der Vereinigungsprozess mit dem Diakoniewerk Oschatz/Torgau. Ausgangspunkt war die wirtschaftlich herausfordernde Situation des Oschatzer Werks. Ziel war es von Beginn an, die dort geleistete wertvolle soziale Arbeit zu erhalten und zukunftsfähig aufzustellen. Nachdem andere Kooperationsansätze nicht tragfähig waren, entwickelte sich die Fusion mit dem Diakonischen Werk Delitzsch/Eilenburg zu einer Perspektive, die Halt und neue Möglichkeiten bot. Gemeinsam mit Janet Liebich begleitete ich diesen Prozess in den vergangenen Jahren intensiv und gestaltete die Zusammenführung an entscheidenden Schnittstellen.
Worauf lag das Augenmerk besonders?
Der Weg dorthin war anspruchsvoll und verlangte Geduld, Offenheit und Vertrauen auf allen Seiten. Es gab zunächst Skepsis, später Neugier und schließlich Freude und Hoffnung. Mit Jahresbeginn sind nun im Diakonischen Werk Delitzsch/Eilenburg die Diakonie Hospital Sozialdienst gGmbH, das Evangelische Diakoniewerk Oschatz-Torgau gGmbH und die Stiftung St. Georg-Hospital vereint. Das Diakoniewerk Oschatz/Torgau ist im operativen Geschäft nicht mehr tätig. Die gGmbH wird liquidiert. Alle Arbeitsbereiche werden im Diakonischen Werk Delitzsch/Eilenburg weitergeführt. Unser Ziel war es von Anfang an, alle Arbeitsbereiche zu erhalten.
Was wurde schon geschafft?
Wir sind stolz darauf, dass das Diakonische Werk Oschatz-Torgau zum zweiten Mal den Jahresabschluss mit einem leichten Überschuss erreichte. Damit schließen sich zu Jahresbeginn zwei gesunde Unternehmen zusammen. Mit der notariellen Unterzeichnung des Übernahmevertrages begann ein neues Kapitel diakonischer Arbeit in Nordsachsen, und das noch dazu im Gebiet von zwei Landeskirchen, nämlich der Evangelischen Landeskirche Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Sachsen.
Was war neben den formalen und wirtschaftlichen Aspekten bei dieser Fusion besonders?
Für alle Beteiligten an diesem Prozess war wichtig, dass im Zuge der Zusammenführung es zu keinerlei betriebsbedingten Kündigungen kommt, und das wurde geschafft. Das gab und gibt den Mitarbeitern Sicherheit. Wir haben in den vergangenen Monaten gemerkt, dass dieser Aspekt neben der bereits vorhandenen hohen Motivation der Mitarbeiter alle noch einmal zusätzlich motivierte. Uns hat die hohe Identifikation der Mitarbeiter mit ihren Arbeitsbereichen im Oschatz-Torgauer Werk beeindruckt. Allesamt haben sie mitgezogen.
Wie groß ist der neue Diakonieverbund in Nordsachsen jetzt?
Mit dem Zusammenschluss sind wir jetzt der größte freie Wohlfahrtsträger in der Region Nordsachsen. Wir beschäftigen rund 700 Mitarbeiter an etwa 18 Standorten und in rund 60 Einsatzstellen. Deshalb sind auch mehr als 100 Fahrzeuge von uns mit dem blauen Diakonie-Logo auf nordsächsischen Straßen unterwegs. Wir begleiten Menschen in allen Lebenslagen verlässlich, fachlich kompetent und mit Herz. Damit zählt das Werk zu den größten Arbeitgebern im sozialen Bereich im Landkreis.
Wie gut sind Sie damit für die Zukunft aufgestellt?
Der Bedarf an Unterstützung wächst bei den Menschen in der Region weiter, insbesondere in der Altenpflege und -hilfe. In vielen Bereichen fängt die Diakonie auf, was staatlich kaum noch zu leisten ist. Deshalb ist es umso wichtiger, Strukturen zu schaffen, die langfristige Hilfe ermöglichen. Soziale Arbeit hält unsere Gesellschaft zusammen und ermöglicht Teilhabe. Gerade deshalb steht sie heute unter erheblichem Druck, weil finanzielle Mittel knapper werden. Zudem besteht in vielen Bereichen unserer sozialen Arbeit das Problem, dass wir in Vorfinanzierung gehen müssen und später erst das Geld vom Staat ausgezahlt bekommen. Das hat schon mal bis zu acht Monate gedauert.
Was steht derzeit oben auf Ihrer Agenda?
Da möchte ich Themen wie Fachkräfteentwicklung und die Situation bei den Kindertagesstätten nennen. Aktuell bilden wir junge ausländische Frauen und Männer in der Pflege selbst aus und haben einen starken Partner vor Ort dafür gefunden. Für die Kindertagesstätten wünschen wir uns, dass der Freistaat den bestehenden Betreuungsschlüssel anpasst. Das würde nicht nur die Betreuung verbessern, sondern auch den Mitarbeitern Sicherheit in ihrer Arbeit geben. Aber auch mit langfristigem Blick gilt es, über neue finanzierbare Wohnformen im Alter für die Zukunft nachzudenken. Wichtig ist aber auch, das Ehrenamt zu stärken. Jeder, der sich bei uns einbringen möchte, ist willkommen. Wir blicken hoffnungsvoll in die Zukunft und sind überzeugt, dass das neue gemeinsame Werk ein starker, verlässlicher Partner in der Region sein wird.
Quelle: Torgauer Zeitung, 13.01.2026, Text + Foto: Bärbel Schumann